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Forschung - 05.05.2026 - 11:30 

KMU Schweiz: Warum die kleinsten Firmen die Schweiz tragen und zugleich herausfordern

Die Schweiz erzählt sich wirtschaftlich gern über ihre Grossunternehmen, Pharma, Banken, globale Marken. Doch wer genauer hinschaut, erkennt ein anderes Bild, eines, das kleinteiliger, widersprüchlicher und letztlich entscheidend ist. Warum die kleinsten Firmen das Land tragen, und weshalb genau das zum Risiko wird, zeigt die Neuauflage der KMU-Studie der Universität St.Gallen.

Die aktuelle «KMU-Studie 2026» der Universität St.Gallen, erarbeitet von den Studienautoren Alexander Fust, Urs Fueglistaller, Thomas Züger, Christoph Brunner und Alexander Graf, legt dieses Bild offen. Und zeigt, die Stärke der Schweizer Wirtschaft liegt nicht in ihrer Spitze, sondern in ihrer vernetzten Diversität. 

Die Schweiz bleibt eine KMU-Ökonomie, aber anders als gedacht

Dass 99,7 % aller Unternehmen KMU sind, gehört inzwischen zum wirtschaftlichen Grundwissen. Interessanter ist, was diese Zahl verdeckt: Denn KMU ist kein homogener Bereich, sondern eine statistische Klammer für völlig unterschiedliche Realitäten, vom Ein-Mann-Beratungsbüro bis zum exportstarken Industriebetrieb mit 200 Mitarbeitenden. Die Studie zeigt, dass die wirtschaftliche Substanz nicht in der «Mitte» entsteht, sondern an zwei Polen: 

  • Es gibt extrem viele sehr kleine Unternehmen
  • Es gibt eine vergleichsweise kleine Gruppe mittlerer Firmen mit grosser Wirkung

Das klassische Bild des stabilen Mittelstands greift hier zu kurz. Die Schweiz funktioniert vielmehr als Netzwerk vieler verschiedenartiger Einheiten, die gemeinsam Stabilität erzeugen. «Die Schweizer Wirtschaft wird oft über ihre Grossunternehmen wahrgenommen, tatsächlich entsteht ihre Stabilität aber in der Breite der kleinen Betriebe», sagt Alexander Graf. Diese Breite ist Stärke, aber auch eine strukturelle Verwundbarkeit.

Der unterschätzte Motor: Ein-Personen-Unternehmen

Mehr als jede zweite Firma in der Schweiz beschäftigt genau eine Person. Das ist mehr als eine statistische Kuriosität. Es ist Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels, Arbeit wird individueller, Unternehmertum zugänglicher, Geschäftsmodelle fragmentierter. Diese Solo-Unternehmen stehen für:

  • hohe Anpassungsfähigkeit
  • geringe Fixkosten
  • schnelle Markteintritte

Aber sie haben auch klare Grenzen:

  • kaum Skalierung
  • starke Abhängigkeit von Einzelpersonen

Volkswirtschaftlich ergibt sich daraus ein paradoxes Bild, maximale Flexibilität auf Mikroebene, aber begrenzte Schlagkraft im Aggregat. Die Schweiz lebt damit von einer Form der «atomisierten Stabilität»: Viele kleinere Einheiten gleichen gegenseitig ihre Schwächen aus.

Dienstleistung schlägt Industrie, aber nicht bei der Wirkung

Die Zahlen sind eindeutig, drei von vier KMU sind im Dienstleistungssektor tätig. Doch der Anschein von Dominanz trügt. Denn während Dienstleistungen die Masse stellen, liegt ein grosser Teil der wirtschaftlichen Substanz, etwa bei Exporten oder Produktivität, weiterhin in der Industrie. Das zeigt sich in der Struktur: 

  • Dienstleistungsunternehmen sind zahlreich, aber klein
  • Industrieunternehmen sind seltener, aber grösser und beschäftigungsintensiver

Diese Zweiteilung prägt die gesamte Volkswirtschaft, die Schweiz ist gleichzeitig eine Dienstleistungsökonomie in der Fläche und eine Industrienation in der Tiefe. Das macht sie robust, aber auch komplex steuerbar. 

Regionale Unterschiede: Ein Land, viele Wirtschaftssysteme

Die föderale Struktur der Schweiz zeigt sich besonders deutlich in der KMU-Landschaft. Während in urbanen Zentren wie Basel-Stadt grosse Unternehmen dominieren, existieren Regionen wie Appenzell Innerrhoden praktisch als reine KMU-Ökonomien ohne nennenswerte Grossbetriebe. Diese Unterschiede sind nicht nur geografisch, sondern strukturell:

  • städtische Räume, kapitalintensiv, global vernetzt, stärker von Grossunternehmen geprägt
  • ländliche Räume, kleinteilig, lokal verankert, stark KMU-dominiert

Das Ergebnis ist kein einheitlicher Wirtschaftsraum, sondern ein «Mosaik regionaler Ökonomien». Diese branchengetriebene Vielfalt erhöht die Resilienz des Gesamtsystems, erschwert aber gleichzeitig eine einheitliche Wirtschaftspolitik.

Branchen: Extreme statt Durchschnitt

Ein Blick in die Branchenstruktur macht endgültig klar, wie wenig der Begriff KMU vereinheitlicht. Zwischen einem selbstständigen Künstlerbetrieb mit einer Person und einem industriellen Spezialisten mit über 200 Mitarbeitenden liegen Welten, und doch fallen beide in dieselbe Kategorie. Auffällig ist die Konzentration von Kleinstunternehmen in wissensintensiven und personenbezogenen Dienstleistungen wie Beratung, Gesundheit, Immobilien und kreativen Berufen. 

Diese Branchen sind wachstumsstark, aber schwer skalierbar. Demgegenüber stehen Industriebereiche mit deutlich grösseren Einheiten, höherer Kapitalbindung und stärkerer Internationalisierung. 

Export: Klein in der Anzahl, gross in der Wirkung

Nur ein Bruchteil der KMU exportiert überhaupt. Und doch tragen sie erheblich zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz bei, rund 30 % des Exportvolumens gehen auf KMU zurück. Das ist vor allem den mittelgrossen Unternehmen zu verdanken. Viele dieser Firmen verbinden Spezialisierung, Innovationskraft und internationale Nischenstrategien. Sie sind das Bindeglied zwischen lokaler Verankerung und globaler Präsenz, und damit strategisch entscheidend für die Schweizer Wirtschaft.

Überlebensfähigkeit von neu gegründeten Unternehmen: Unternehmertum bleibt ein Risiko
Nur etwa jedes zweite neu gegründete Unternehmen überlebt die ersten fünf Jahre. Diese Zahl relativiert den Gründungsboom, viele neue Firmen entstehen, aber ebenso viele verschwinden wieder. Die Unterschiede zwischen Branchen sind dabei erheblich:

  • hohe Risiken im Gastgewerbe
  • vergleichsweise stabile Entwicklungen im Gesundheitssektor

Das zeigt, Unternehmertum in der Schweiz ist offen, aber keineswegs risikolos.

Fazit: Die Stärke liegt in der Vielzahl, und genau darin das Risiko

Die Schweizer Wirtschaft ist kein System weniger grosser Player. Sie ist ein Geflecht aus Hunderttausenden kleiner Einheiten. Das macht sie widerstandsfähig, anpassungsfähig und diversifiziert. Zugleich aber auch fragmentiert, schwer steuerbar und abhängig von individueller Stabilität. Die Schweiz ist wirtschaftlich stark, weil sie so kleinteilig ist, und genau das macht sie verletzlich.

Fachkräftemangel, geopolitische Spannungen, steigende Regulierung und zunehmender Kostendruck: Für KMU bedeuten diese Entwicklungen, dass Planbarkeit abnimmt. Ihre Anpassungsfähigkeit wird zur Kernkompetenz. KMU bewegen sich heute in einem Umfeld, das gleichzeitig mehr Chancen und mehr Unsicherheit bietet als je zuvor.


Die Schweizer KMU-Studie kann unter obt.ch/kmu-studie-2026 oder kmu.unisg.ch/kmu-zahlen heruntergeladen werden.

 

Über KMU-HSG
Das Schweizerische Institut für KMU und Unternehmertum an der Universität St.Gallen und die OBT AG beschäftigen sich schon seit Jahrzehnten mit den Belangen und den Herausforderungen der KMU, sei es in der Forschung oder in der unternehmerischen Praxis. Mit der vorliegenden Studienreihe, basierend auf den jeweils aktuellsten BfS-Zahlen, bieten die Autoren den Unternehmern wie auch der Gesellschaft einen Mehrwert, indem ein Überblick über die KMU der Schweiz und im internationalen Vergleich gegeben wird. 

Über die OBT AG
Die OBT AG gehört in der Schweiz zu den sechs grössten Unternehmen im Bereich Treuhand, Wirtschaftsprüfung und Beratung. OBT befindet sich seit 1998 im Besitz der Partner, ist Mitglied von EXPERTsuisse sowie ein staatlich beaufsichtigtes Revisionsunternehmen. Als unabhängiges Mitglied des weltweiten Netzwerks Baker Tilly International betreut OBT in der Deutschschweiz internationale Unternehmen.

 

Bild: Adobe Stock / TensorSpark

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